Anthony Braxton bei Enjoy Jazz – Die Leichtigkeit schwerer Musik

Anthony Braxton - Foto: Schindelbeck

Anthony Braxtons Musik gilt als "schwierig". Ein Theoretiker, ein Komponist, der seine Kompositionen stur durchnummeriert und diese in – auf Außenstehende kryptisch wirkende – Partituren bannt, die eine ganz eigene Zeichensprache nutzen um zwar die großen Linien vorzugeben aber innerhalb dessen, größte Freiheiten zu lassen. Im Gespräch mit dem Journalisten Georg Spindler nahm der Trompeter Taylor Ho Bynum nach dem Konzert dessen treffendes Bild von Braxtons Vorgaben "als Räume eines Hauses" auf, Räume, "in denen  man sich bewegen, nach draußen schauen, rumfläzen… kann." 

Räume geben zwar die Wände vor, aber was innerhalb dieser Wände vorgeht, dass bestimmen diejenigen die sich den Räumen treffen. Und gelegentlich schließt Braxton die Tür zu einem anderen Raum auf…

 

Leider schlägt allein der Begriff "Freier Jazz" viele, auch durchaus ambitionierte, Musikhörer in die Flucht bevor sie auch nur einen Ton gehört haben. Zu schade, denn das Diamond Curtain Trio + 1 (neben der Gitarristin Mary Halvorston und dem Trompeter Taylor Ho Bynum war als Gast noch der Saxofonist Andre Vida auf der Bühne) zelebrierte genau das Gegenteil von Chaos und Kakophonie. Vielmehr taten sich im Spiel an der langen kompositorischen Leine Braxtons einfach nur extrem viele Freiräume für die Musiker auf. Die Kunst liegt darin, mit diesen Freiräumen umgehen zu können und Braxton hat sich mit drei Mitspielern, die allesamt eine Generation jünger sind als er selbst, die Richtigen ausgesucht. Sie können nicht nur mit der Freiheit umgehen, sie wollen es auch und sie engagieren sich – ja, man kann es so sagen – mit einer großen Verantwortung in dieser Formation. Mit einem Willen zum gemeinsamen Spiel, zu einem Tanz der Töne im Braxtonschen Raum mit immer wieder wechselnden Kombinationen, Duo, Solo, Trio, Tutti. Tayler Ho Bynum - Photo: Schindelbeck

Herausragend ist der Trompeter Taylor Ho Bynum, der mit einem überaus variantenreichen Spiel vom Flüstern in die Trompete, kaum noch hörbaren Tönen bis zu robusten, raumgreifenden und trotzdem immer kontrollierten Klängen alle Facetten seiner Hörner (drei Stück hat er dabei…) ausreizt. Die zurecht hochgelobte Mary Halvorston an der Gitarre setzt sperrige Akzente und wirft gelegentlich mit monkscher Schroffheit Akkorde in den Raum – in diesem freien Spiel der Kräfte spielt sie offensichtlich in ihrem Element. Erstaunlich gut ist der Gast des Abends in die Formation integriert. Andre Vida hat vor sich ein Altsax fest auf einem Stativ aufgebaut und er spielt zudem – und gelegentlich gleichzeitig – auf dem Baritonsaxophon. Zeitweise unterlegt er mit langgezogenen Passagen die Improvisationen der Mitspieler, genauso versteht er sich aber auch in offenen Zwiegesprächen mit Meister Braxton.

Mary Halvorson - Photo: Schindelbeck

Braxton selbst greift abwechselnd zum Altsaxophon und Sopransaxophon – kein Chef im Ring, vielmehr eine Gleicher in der Runde. Er bedient zudem den 5. Mitspieler: einen Computer, der von Braxton gelegentlich auf die richtige Spur gebracht, dezent Fragmente des Konzerts verarbeitet und wieder ins Gesamtspiel zurück wirft. 

Braxton - Vida, Fotografie: Frank Schindelbeck

Es war ein kurzes Konzert. Die große Sanduhr, von Braxton zu Beginn des Konzerts in Gang gesetzt, gab eine Stunde vor, und die Band überzog nur kurz. Nach diesen wenig mehr als 60 Minuten war für diesen Abend auch genug gesagt, es gab nichts Überflüssiges in dieser hochkompakten Musik aber auch nichts Fehlendes – die ganz kurze Zugabe durfte man als freundliche Abschiedsgeste gegenüber dem Publikum verstehen…

Anthony Braxton - Jazzfotografie: Frank Schindelbeck

[Edit. Ich hatte in der ursprünglichen Fassung fälschlicherweise das schöne Bild mit den verschiedenen Räumen für Braxtons Musik Taylor Ho Bynum in den Mund geschoben. Richtigerweise stammte das Bild aber von G. Spindler, T. Ho Bynum fand sich nur sofort darin wieder]

4 Gedanken zu „Anthony Braxton bei Enjoy Jazz – Die Leichtigkeit schwerer Musik

  1. Ja, es war großartig! Nie vorher hat das Anthony Braxton Diamond Curtain Wall Quartet in dieser Zusammensetzung gespiel, und dann solch ein Ergebnis!
    Glücklicherweise konnte ich auch noch ein völlig anderes Konzert mit dem Anthony Braxton Septet und seiner Echo Echo Mirror House Music in Straßburg miterleben. Dort haben sie seine Composition N°372 gespielt – 69 Minuten lang, wieder es gab nichts Überflüssiges in dieser hochkompakten Musik aber auch nichts Fehlendes!

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