Auf ein Wort: Stefan Postius über den Jazzherbst Konstanz

Den Jazz in Konstanz beobachte ich schon lange aus der Ferne mit Interesse, unter anderem deshalb, weil ich seit Jahren übers Netz sehr gut mit Informationen versorgt werde und außerdem wegen des kontinuierlich interessanten Programms. Der Jazzclub Konstanz veranstaltet nunmehr zum 28. mal den  "Konstanzer Jazzherbst" und einer der Mitorganisatoren des Jazzclubs – Stefan Postius – erzählt uns etwas mehr über die Veranstaltung.

fs: Was muss man unbedingt über den Jazzherbst 2007 wissen?

Der 28. Konstanzer Jazzherbst ist eine Symphonie schweizer und deutscher Jazzbands zusammen mit einer französischen Band. Das Festival zeigt eine Momentaufnahme zeitgenössischen europäischen Jazzes mit seinen vielen faszinierenden Facetten. Starke Individualisten mit Einflüssen aus anderen Kulturkreisen tragen maßgeblich zur stetigen Weiterentwicklung der europäischen Jazzvarianten bei.
 
Zunächst geht es am 08. Nov. mit einem Paukenschlag los. Wir geben Johannes Lauer, einem der wohl vielversprechendsten jungen deutschen Posaunisten die Möglichkeit, für eine BigBand zu komponieren und dafür auch gleich noch seine Wunschband zusammen zu stellen. Wir freuen uns, dass namhafte Musiker (u.a. Henning Sieverts, Steffen Schorn, Frank Möbus, Colin Vallon) sofort bereit waren, teilzunehmen. Und Johannes konnte noch 2 weitere Musiker begeistern, die er jetzt von seinem im Sommer abgeschlossenen Studienjahr aus New York mitbringt.
 
Yves Whey versteckt Teilaspekte jüdischer Folklore in dem französischen Jazz der Gegenwart. Bänz Oester, Christy Doran und Christoph Baumann sind Garanten für eine kontinuierliche Verfeinerung des Phänomens des bewährten schweizer Jazz und stoßen bei dieser Arbeit gerne in experimentelles Neuland. Die deutschen Musiker Heinz Sauer, Carsten Daerr und Olaf Ton zeigen ein sehr breites Spektrum des neuen deutschen Jazz, der mit großer Lust und Spielfreude sehr lebendige und kräftige Klänge hervorbringt.
 
fs: Wie würdest du generell die Ausrichtung eures Festivals beschreiben?

Wir veranstalten zeitgenössischen Jazz, und das in diesem Jahr wie eigentlich schon immer. Da das nicht zu definieren und noch weniger beschreibbar ist, möchte ich es mal anders erklären. Zu allererst suchen wir einen Jazz, der uns anspricht. Da darf gerne experimentiert werden, in jedem Fall muss Neues herauszuhören sein. Beim Zusammenstellen eines solchen Programms prallen die Meinungen der Vorständler des Jazzclub Konstanz aufeinander, wir machen es uns da nicht leicht. Am Ende aber kommt immer ein Programm zustande, das kontroverse Musiken und Stile unter einen Hut bringt. Gerne zeigen wir auch Entwicklungen von Musikern auf. Daher finden sich einige Musiker in großen Abständen in unserem Programm wieder.
 
Das Festival wird als Ausdruck für das Zusammenfinden unterschiedlicher Denkweisen, Kulturinteressen und Hörgewohnheiten an den 4 Konstanzer Spielstätten, dem Stadttheater, dem Kulturzentrum, dem K9 und der Studiobühne der Philharmonie stattfinden. Ein Ziel dieses Konzeptes ist es auch, Hörer aus den unterschiedlichen Bereichen der kulturellen Vielfalt aus Konstanz und Kreuzlingen für diese musikalische Symphonie zu gewinnen.

fs: Ist es schwierig "deutschen Jazz" an den Mann zu bringen? Wie wichtig ist es bekannte Musiker präsentieren zu können?

Wir veranstalten gerne deutsche und schweizer Formationen, was bei der Grenzlage von Konstanz und unseren vielfältigen Beziehungen in die Schweiz nicht verwundern dürfte. Bei diesen Gruppen finden wir die musikalische Ausrichtung, die uns gefällt. Wir richten uns weniger nach Namen sondern nach der Musik. Natürlich haben auch wir gemerkt, dass große Namen Publikum ziehen. Aber das alleine kann für uns kein Gesichtspunkt sein. Wenn Musiker mit großem Namen aber Musik spielen, die uns anspricht, veranstalten wir auch gerne große Namen.

 
fs: Wie etabliert ist das Festival? In 28 Jahren hat sich vermutlich ein großes Stammpublikum gebildet oder ist die Veranstaltung jedes Jahr erneut ein (finanzielles) Wagnis? Wieviele Zuhörer könnt ihr in etwa zum Jazzherbst anlocken?

Interessanterweise haben wir über die Jahre nur ein kleines Stammpublikum bilden können. Es ist vielmehr so, dass in Abhängigkeit von der Zusammenstellung der Konzert eine sehr unterschiedliche Hörerschaft kommt. Einerseits ist das sehr interessant, andererseits kann das sehr nervig sein. Bei insgesamt 500-600 Zuhörern ist es jedes Jahr aufs neu ein Abenteuer.

fs: Wie finanziert sich der Jazzherbst?

Wir werden unterstützt von Stadt und Land und von Stiftungen aus der Schweiz. Auch finden wir immer wieder kulturliebende Sponsoren. Die Finanzierung klappt, so lange es so bleibt. Wichtig ist natürlich das Echo in der Öffentlichkeit. Hier spielt die lokale und die regionale Presse eine wichjtige Rolle. Bei dem ausgesucht guten und anspruchsvollen Programm würde ich mir mehr Intreresse der überregionalen Presse wünschen. Auch die Hörerschaft leistet einen sehr wichtigen Beitrag zum finanziellen Gelingen.

 
fs: Habt ihr im Laufe der Jahre Änderungen im Publikumsinteresse festgestellt? Wie ist das Publikum generell zusammengesetzt?

Das Publikum weiß, dass es bei uns keinen Mainstream gibt, deshalb sind die Zuhörer wohl jedes Jahr genauso auf das Programm gespannt wie wir. Dankenswerterweise erhalten wir immer wieder positiven Feedback über unsere Programmgestaltung, bei all der Austauschbar- und Beliebigkeit, die man sonst viel beobachten kann. Zeitweise dachten wir daran, uns breiteren Publikumsschichten durch Verbreiterung des Stilangebots anzupassen. Wir haben hierdurch keinen Hörerzugewinn verbuchen können. Wir sind daher zur Überzeugung gelangt, dass es richtigerist, das eigenen Konzept überzeugend und konsequent umzusetzen.

fs: Welchen Stellenwert hat für euch das Internet für die Arbeit in punkto Jazzclub übers Jahr und für den Jazzherbst?

Die Anfragen zeigen, dass sich unser Einzugsbereich durch das Internet schon erweitert hat, das Interesse geht jetzt schon deutlich über unsere Region hinaus. Wir kommen dadurch aber auch stärker in Konkurrenz mit anderen Festivals im Süddeutschen Raum. Daher ist es besonders wichtig, ein eigenständiges Profil zu haben, das zudem die Jazzfreunde überzeugt. Besonders erfreulich ist, dass wir großen Zuspruch von Hörern aus der Schweiz erfahren.

fs: Wie wichtig ist das jährliche Festival für die kontinuierliche Jazzclub-Arbeit des ganzen Jahres?

Der Jazzherbst ist für uns natürlich das bestimmende Ereignis eines Jahreszyklus. Das Konzept ermöglicht uns, dass wir unterm Jahr auch mal junge, unbekanntere Gruppen präsentieren können. Diese Arbeit ist besonders interessant, da man immer wieder erleben kann, dass sich die geförderten jungen Gruppen positiv weiterentwickeln

fs: Was sind Highlights und deine persönlichen Favoriten des kommenden Jazzherbstes?

Das kann ich so nicht beantworten. Wie ich oben ausführte, ist unser Jazzherbst-Programm Ergebnis einer anstrengenden Diskussion im Vorstand. Daher haben alle Gruppen ihren eigenständigen Platz im Programm. Zudem kenne ich ja teilweise zum jetzigen Zeitpunkt noch gar nicht die zu erwartende Musik. z.B. Lauer Large wird eine Überraschung, mit Sicherheit eine Riesenüberraschung. Eine Bigband mit 17 Musikern, die eine Welturaufführung einer Komposition eines so interessanten jungen Musikers hinlegt – das muss ein Favorit sein. Weiterhin haben wir schon seit Jahren versucht Ives Weyh mit seiner atemberaubenden Musik nach Konstanz zu bekommen. Nun hat es endlich geklappt. Da bin ich natürlich besonders gespannt.

fs: Du bist ja nicht nur Organisator und Jazzhörer sondern auch Jazzfotograf – ein Interesse, das wir teilen – was macht für dich die Faszination der Jazzfotografie aus?

Hier muss ich aufpassen, nicht zu weit auszuholen. Ich bewundere improvisierende Musiker, wie sie im Moment der Entstehung eines Tones die Entstehung der nächsten Töne beeinflussen. Dabei stehen die bisher erzeugten Töne als Rahmen oder als Vorgabe ím Hintergrund. Diese Arbeit, so dachte ich mir, könnte von außen zumindest teilweise sichtbar werden. Ich habe mir also vorgenommen, die Musiker bei ihrer Arbeit an der Gestaltung der Musik zu beobachten und es fotografisch sichtbar zu machen. Es gelingt leider nicht immer, den richtigen Augenblick festzuhalten. Einige meiner gelungenen Aufnahmen sind ja auf den Jazzpages zu sehen.

fs: Eine empfehlenswerte Ausstellung. Ich wünsche dir etwas Muße zum Fotografieren beim Jazzherbst! Vielen Dank, Stefan, für das Gespräch.

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