Christian Broecking bei Enjoy Jazz

 

Der Jazz-Journalist und Publizist Christian Broecking sammelt seit vielen Jahren Originaltöne von Jazzmusikern – ausnahmsweise nicht deren musikalische Werke sondern das gesprochene Wort. Er führte unzählige Interviews mit vorwiegend Schwarzen Musikern und hat sie im Laufe der Jahre in einer Reihe von Büchern publiziert.

Zunächst beim Oreos Verlag in dem Band "Der Marsalis Faktor" aus dem Jahr 1995, in dem die Zuspitzung des Konflikts der Gralshüter des Jazz um Wynton Marsalis gegenüber den Vertretern der „Schwarzen Avantgarde“ dokumentiert und pointiert gegenüber gestellt ist.

Später in den beim Verbrecher Verlag, Berlin, erschienen Büchern "Respekt" (2004) und "Black Codes" (2005). Interviewbände, in denen er der soziokulturellen Situation der Schwarzen Jazzmusiker aus deren Sicht auf die Spur ging. Broecking ist mit seinen Interviews zu dem deutschen Sammler und Bewahrer der Oral History der Schwarzen Musik geworden.

Sein erster Vortragsabend bei Enjoy Jazz – dem noch zwei weitere folgen werden – war „Respekt“ bestitelt und es ging um die Stellung, der Schwarzen Musiker und der Schwarzen im allgemeinen in der amerikanischen Gesellschaft und die Haltung der Musiker zu dieser Gesellschaft. Um die Frage auch, welche Haltung der Jazz in diesem Kontext einnimmt. Broecking weiß natürlich, daß er dieses Thema kaum erschöpfend abhandeln kann und so umreißt er das Thema mit den punktuellen Aussagen der Schwarzen Musiker (außerordentlich reizvoll übrigens, die Musiker in den Soundclips einmal im Original sprechen zu hören*).

Das Zitat von Steve Colemans war wesentlich. Er bemerkte, daß es nicht *die* Schwarze Kultur gebe. Vielmehr sei dies ein irrelevanter Begriff, weil er der Realität und Vielfalt des „Schwarzen Lebens“ schlicht nicht gerecht werden könne. Und so entwerfen auch die Zitate der weiteren Musiker vor allem ein Kaleidoskop unterschiedlicher Ansätze und Ansichten, die teilweise diametral gegenüber stehen.

Man mag sich die Zitate als Kreuzungspunkte eines Spinnennetzes vorstellen, jedes ein Knotenpunkt an anderer Stelle im Netz, vielleicht im Licht weniger gut oder besser sichtbar, weniger oder mehr relevant für den gesamten Bau – in der Summe allerdings das Gesamt-Netz und damit das Gesamtbild.

Daß diese „Schwarze (Jazz-) Kultur“ kaum zu umreissen und voller Widersprüche ist und in vielen Facetten schillert wurde also am ersten Abend der drei Vortragsabende klar. In den folgenden Veranstaltungen (Mi. 17.10 „Black Codes“ und Mi. 24.10. „Schwarze Selbstbestimung“) wird das Thema voraussichtlich noch stärker im Jazz-Kontext fokusiert. Inwieweit ist Jazz eine spezifisch schwarze Kulturform, die – vielleicht ab einem gewissen Zeitpunkt als abgeschlossen betrachtet – konserviert und tradiert werden muss (der Ansatz von Wynton Marsalis und Co.)? Oder: Was sind die Bestandteile des "schwarzen Jazz", inwieweit ist diese schwarze Musik Teil eines gesellschaftlichen "Kampfs" um Gleichberechtigung aber vor allem eigenständiger Kultur (Coltrane, Shepp…)?

Lassen wir uns überraschen. Eine Bereicherung ist diese Reihe mit Christian Broecking für Enjoy Jazz schon jetzt.

PS: Der einzige Missgriff des Abends war die Vorstellung eines kurzen Videos von Billie Holiday mit ihrem Lied "Strange Fruit". Billie Holiday war eine großartige Sängerin und "Strange Fruit" gehört ohne Zweifel zu den wichtigsten Songs der Jazzgeschichte. Die Version auf Film stammte allerdings offensichtlich aus den 50er Jahren als Billie Holiday längst den Zenit ihres Schaffens überschritten hatte und von gesundheitlichen, persönlichen und Drogenproblemen gebeutelt wurde. Eine „nachgestellte“ Version, offenbar speziell für die Kamera eingesungen. "Nachgestellt" muss man leider sagen, denn was Billie hier mit unsäglichem Pathos unendlich aufgesetzt in Ton und Mimik zum Besten gibt, tut einem als Billie Holiday Freund nur weh. Das Original von 1938 ist ein unprätentiöses Meisterwerk und zumindest ich hätte hier nur zu gern auf die Segnungen von Multimedia verzichtet und wäre beim Ton des Originals geblieben.

Allein dieser Video-Clip hätte schon Anlass genug gegeben darüber zu sprechen, wie es um die Authentizität von Schwarzer Musik – für ein wahrscheinlich schon überwiegend Weißes Publikum produziert – bestellt ist.

* Ein Hörbuch mit ausgesuchten Interviews wäre schön.

Die weiteren Veranstaltungen mit Christian Broecking

Mi. 17.10 „Black Codes“
Mi. 24.10. „Schwarze Selbstbestimung“

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