Echo Jazz 2010 – Die Preisträger und einige Anmerkungen

Angelika Niescier / ECHO JAZZ Newcomerin 2010 / Foto: Schindelbeck

Ein paar Worte zur Verleihung des Jazz Echo 2010

Charlie Mariano konnte sich nicht mehr wehren, gegen seinen „Sonderpreis für außerordentliche Leistungen im Jazzbereich“. Vielleicht hätte er sich gefreut über diese Auszeichnung mit dem nicht gerade sexy klingenden Namen. Leider ereilte ihn die Ehrung nur posthum und damit blieb ihm immerhin ein Laudator wie der Proll-Rapper Sido erspart. Den hatte irgendein Knallkopf für die Verleihung des Echo Jazz engagiert und der als bester Pianist des Jahres gewählte Michael Wollny konnte oder wollte sich gegen diesen Laudatoren nicht wehren, der ihm den Preis mit einem „Würde man seine Musik in Worte fassen, hätte er ein freches Mundwerk – dat jefällt mir!“ überreichte.

Ich persönlich glaube, dass Sido  freiwillig noch keinen einzigen Ton von Michael Wollny gehört hat. Aber vielleicht müssen solche Knallchargen einfach die Veranstaltung bunt machen. Mit Jazzkundigen allein – ja, auch davon gab es welche in der Laudatorenschar – ist bei einer Preisverleihung wohl nicht genügend Staat zu machen.

Um welchen Preis ging es also? Den Echo Jazz 2010, der von der Deutschen Phono-Akademie – dem Kulturinstitut des Bundesverbandes Musikindustrie e. V. – in diesem Jahr erstmals speziell für den Jazzbereich vergeben wurde, um „herausragende Leistungen nationaler und internationaler Künstler“ zu honorieren.

Dieter Gorny, der Vorstandsvorsitzende des Bundesverbandes Musikindustrie e. V. stellte in seinem Grußwort zum Jazzpreis fest: „Jazz ist die Avantgarde der Musikstile.“

An diesem schönen Spruch ist die Auswahl der Fachjury allerdings weitgehend spurlos vorüber gegangen. Der Preisträger-Mix ist ein buntes Sammelsurium aus gut Verkäuflichem, Erwartbarem und glücklicherweise ein paar Perlchen, die sich in die Auswahl geschmuggelt haben. Wirklich erfreulich ist die Wahl der Saxophonistin Angelika Niescier, die im vergangene Jahr mit Sublim III eine großartige CD (Enja) eingespielt hat. Warum sie damit als Newcomerin des Jahres ausgezeichnet wurde? Keine Ahnung, mir ist diese „Newcomerin 2009“ jedenfalls schon im letzten Jahrtausend aufgefallen.

Der Trompeter Frederik Köster als bester Blechblasinstrumentalist des Jahres ist auch keine schlechte Wahl. Vielleicht hat ihm der Erfolg beim Neuen Deutschen Jazzpreis in Mannheim den rechten Schwung gegeben. Auch international ist der Jury zum Thema Blechbläser (nur) ein Trompeter eingefallen: Roy Hargrove. Warum nicht? Abgesehen von Hargrove würden einem zwar noch diverse weitere  Trompeter international in den Sinn kommen, aber möglicherweise ist Hargrove ja auch schlicht beim richtigen Plattenlabel…

Ansonsten ist die Mehrzahl der ausgezeichneten Musiker gewiss nicht schlecht. Wer wollte etwas gegen Bill Frisell als besten internationalen Gitarristen einwenden? Vielleicht hat Fred Frith ja im kommenden Jahr eine Chance. Als bester Saxophonist national Klaus Doldinger? Ja, warum denn nicht. Möglicherweise kann man in einigen Jahren (mögen es viele sein!) Heinz Sauer posthum auszeichnen. Die „Würdigung fürs Lebenswerk“ für Paul Kuhn – wer wollte es Paulchen nicht gönnen…

Trotzdem scheint bei der Preisvergabe vor allem die feine Nuance in der Ausschreibung der Veranstaltung eine Rolle zu spielen: die Jury fällt ihr Urteil „sowohl nach künstlerischer Qualität als auch nach Publikumserfolg. Die Vergabe des ECHO Jazz spiegelt damit nicht nur die Meinung von Kritikern wider, sondern auch die Wertschätzung durch Musikkäufer.“ Gut ist also, was Kasse macht. Solange man das ausspricht, ist dagegen nicht allzu viel zu sagen. Einigermaßen euphemistisch ist die Formulierung „nicht nur die Meinung von Kritikern“. In der Jury, siehe unten, konnte ich nicht allzuviele – hoffentlich standhafte – Kritiker entdecken…

Es hat es schon ein gewisses „Hautgout“ oder „Geschmäckle“, wie die Schwaben es so nett formulieren, wenn die Jury im Wesentlichen „aus herausragenden Persönlichkeiten aus Kultur, Medien und dem Arbeitskreis Klassik des Bundesverbands Musikindustrie“ besteht, deren Schaffen in enger Beziehung zu den Preisträgern steht.

Schaut man sich die Liste – sowohl der Juroren als auch der Preisträger – an, dann darf man getrost das Wort „Musikindustrie“ doppelt unterstreichen:

Alexander Boesch (Sony Music)
Michael Brettschneider (EMI Music)
Christiane Böhnke-Geisse (Jazzclub Unterfahrt)
Ralf Dombrowski (Unabhängiges Mitglied/Journalist)
Volker Dueck (Sunny Moon /Jazz- und Worldpartners)
Thomas Glagow (C.A.R.E. Music Group)
Dr. Bernd Hoffmann (WDR)
Karsten Jahnke (Karsten Jahnke Konzertdirektion)
Christian Kellersmann (Universal Music)
Fabian Kerner (Warner Music)
Siegfried Loch (ACT)
Matthias Winckelmann (enja)

Außer der Alibi Jazzclub-Vertreterin und dem unzweifelhaft honorigen Ralf Dombrowski findet sich in erster Linie eine Gruppe von aktiven Mitspielern des Jazzmusikgeschäfts.  Und wenn da Karsten Jahnke (Auszeichnung: Förderer des Jazz) oder Siggi Loch, der Chef von ACT (Auszeichnung: ACT – Jazzlabel des Jahres / wobei mir nicht ganz klar ist, nach welchen Kriterien der Preis vergeben wurde) in der Jury sitzen, dann wirkt das – vielleicht nur auf mich – doch etwas merkwürdig.

Und die unauffällig auffällige Häufung gewisser Labels der ausgezeichneten Künstler wirkt leider auch nicht so, als ob die hehren künstlerischen Kriterien allzu sehr im Vordergrund der Auswahl gestanden hätten. Jedenfalls freut sich ACT ganz besonders über den Gewinn in insgesamt gleich fünf Kategorien…

Ob das eher Selbstbespiegelung im Rahmen der Veranstaltung ist oder sich eben ganz zufällig eine glückliche Zusammensetzung von Jury, geschäftlichem Erfolg und Preisträgern ergeben hat, das mag sich jeder selbst zusammen reimen. Möglicherweise wird die weitere Entwicklung der Veranstaltung in den kommenden Jahren Aufschluss geben. Man wünschte ihr jedenfalls einen einigermaßen schön anzuschauenden Spagat zwischen Kunst und Kommerz. In diesem Jahr gelang die Übung noch nicht überzeugend.

Alle Preisträger

ENSEMBLE DES JAHRES NATIONAL

Tingvall Trio

Vattensaga, Skip Records

ENSEMBLE DES JAHRES INTERNATIONAL

Vijay Iyer Trio

Historicity, ACT

SÄNGER DES JAHRES NATIONAL

Theo Bleckmann

Refuge Trio, Winter & Winter

SÄNGER DES JAHRES INTERNATIONAL

Curtis Stigers

Lost In Dreams, Concord/Universal

SÄNGERIN DES JAHRES NATIONAL

Celine Rudolph

Metamorflores, Enja Records

SÄNGERIN DES JAHRES INTERNATIONAL

Melody Gardot

My One And Only Thrill, Decca/Universal

INSTRUMENTALIST/IN DES JAHRES NATIONAL – PIANO/KEYBOARDS

Michael Wollny

Wunderkammer, ACT

INSTRUMENTALIST/IN DES JAHRES INTERNATIONAL – PIANO/KEYBOARDS

Uri Caine

Plastic Temptation, Winter & Winter

INSTRUMENTALIST/IN DES JAHRES NATIONAL – SAXOPHON/WOODWINDS

Klaus Doldinger

On Stage, Warner Music

INSTRUMENTALIST/IN DES JAHRES INTERNATIONAL – SAXOPHON/WOODWINDS

Branford Marsalis

Metamorphosen, Marsalis Music/Universal

INSTRUMENTALIST/IN DES JAHRES NATIONAL – DRUMS/PERCUSSION

Wolfgang Haffner

Round Silence, ACT

INSTRUMENTALIST/IN DES JAHRES INTERNATIONAL – DRUMS/PERCUSSION

Billy Hart

Live At Cafe Damberd, Enja Records

INSTRUMENTALIST/IN DES JAHRES NATIONAL – BASS/BASSGITARRE

Henning Sieverts

Blackbird, Pirouet Records

INSTRUMENTALIST/IN DES JAHRES INTERNATIONAL – BASS/BASSGITARRE

Renaud Garcia-Fons

La Linea del Sur, Enja Records

INSTRUMENTALIST/IN DES JAHRES NATIONAL – BLECHBLASINSTRUMENTE/BRASS

Frederik Köster

Zeichen der Zeit, Traumton

INSTRUMENTALIST/IN DES JAHRES INTERNATIONAL – BLECHBLASINSTRUMENTE/BRASS

Roy Hargrove

Emergence, Emarcy Records/Universal

INSTRUMENTALIST/IN DES JAHRES INTERNATIONAL – GITARRE

Bill Frisell

Disfarmer, Nonesuch/Warner

INSTRUMENTALIST/IN DES JAHRES INTERNATIONAL – SONSTIGE INSTRUMENTE

Anouar Brahem

The Astounding Eyes Of Rita, ECM Records/Universal

NEWCOMER DES JAHRES NATIONAL

Angelika Niescier

Sublim III, Enja Records

WÜRDIGUNG DES LEBENSWERKES EINES KÜNSTLERS

Paul Kuhn

EDITORISCHE LEISTUNG DES JAHRES

Claus Schreiner

The Famous Lippmann+Rau Festivals, Tropical

BESTSELLER DES JAHRES

Diana Krall

Quiet Nights, Verve/Universal

BIG BAND-ALBUM DES JAHRES

Helge Sunde

Finding Nymo, ACT

DVD DES JAHRES

Diana Krall

Live in Rio, Eagle Vision

FÖRDERER DES JAZZ

Karsten Jahnke

JAZZ-LABEL DES JAHRES

ACT Music

LIVE-ACT DES JAHRES

Quadro Nuevo

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Charlie Mariano


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Nach dem ECHO Klassik ist Jazz erst das zweite Genre, das eine eigene Preisverleihung bekommt. Aber warum gibt es keinen ECHO Rock oder keinen ECHO Schlager, aber einen ECHO Jazz? Die Gründe hierfür liegen in der einzigartigen Bandbreite und Vielfalt, die diese Musikrichtung von Beginn an geprägt hat. Jazz war immer die experimentierfreudigste aller Musikrichtungen und fordert seinen Protagonisten gleichzeitig höchste musikalische und technische Virtuosität ab. Jazz ist modern und klassisch zugleich. Jazz ist die Avantgarde der Musikstile.

3 Gedanken zu „Echo Jazz 2010 – Die Preisträger und einige Anmerkungen

  1. Auch wenn ich der Letzte bin, der Siggi Loch in Schutz nehmen möchte, so muss ich sagen, dass er für den Echo Jazz „Label des Jahres“ tatsächlich nichts kann. Diese Kategorie war eine Publikumswahl und wurde über jazzthing.de per so genanntem „Online Voting“ ermittelt. Mit allem anderen, was du schreibst, hast du durchaus recht – auch wenn ich diesem Preis Entwicklungschancen zugestehe.

  2. Danke für die Klarstellung. Es waren ja auch noch andere Online-Votings dabei (einige mails mit Stimmvorschlägen von Aspiranten für den Live-Act des Jahres hat wohl jeder bekommen). Bei der Wahl des Labels des Jahres war ich mir im Moment des Schreibens nicht ganz sicher.

    Was die Entwicklungschancen angeht: Gewiss. Dafür stehen die Größen des Pop & Jazz-Establishments hinter der Veranstaltung. Ob diese daran eher krankt ist wohl eine Frage des Standpunkts. Wenn ich es auf den Punkt bringen müsste: Hier brät im Wesentlichen eine etablierte Teilmenge des Jazz im eigenen Saft. Das Gericht wird mit einigen Feigenblättchen (keine Ahnung, ob man Feigeblättchen mit in die Pfanne wirft – wäre eine Frage an euren Chefkulinariker, Herrn Ilg) aus dem etwas „jüngeren und noch-nicht so etablierten“ Bereich („Newcomerin“ Angelika Niescier) angerichtet und fertig ist das Leibgericht.

    Zumindest schmeckt’s vielen, wie ich allgemein der Presse und beispielsweise gerade aktuell dem wohlwollenden Kommentar von Herrn Hielscher bei Spiegel Online entnehmen konnte. Dazu will ich jetzt aber nicht grummeln 😉

    Mal sehen, was Jazzthing in der neuen Ausgabe über den Jazz Echo schreibt…

    Grüße

    Frank

  3. Zwar verhalten, weil Medienpartner, aber zum Schluss kritischer. Und über den Blödsinn, den Herr Hielscher auf SPON veröffentlicht hat, decken wir bitte das sprichwörtliche „Mäntelchen des Schweigens“. Mannomann…

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