Ein Abend im Sidsel-Land

Manchmal möchte man ihr Stimmungsaufheller auf die Bühne werfen. Die norwegische Sängerin hat eine besondere Affinität zu schwermütigem Gesang, ihre dunkle Stimme schafft gelegentlich leicht depressiv klingende musikalische Räume.

Zum vierten mal bereits bei Enjoy Jazz, zuvor u.a. Solo und mit Elektronik-Bastler Bugge Wesseltoft, war sie diesmal mit den zwei jungen Herren von Humcrush auf der Bühne der Alten Feuerwache Mannheim zu hören.

Vor dem Konzert fragte mich jemand, ob Sidsel Endresen eher aus der Jazz-Ecke käme – die richtige Antwort wäre gewesen, dass sie aus einer merkwürdigen Gesangsecke kommt. Jazz ist das nicht im klassischen Sinn, auch wenn wohl wenige Sängerinnen so improvisieren wie Endresen. "Merkwürdig" ist dabei durchaus positiv besetzt! Sie brabbelt, greint, gurrt, und spricht eindrucksvoll. Sie zelebriert das Reden in fremden Zungen und schafft sich damit ihre ganz eigene musikalische Welt.

Sie singt und sprechsingt Geschichten in einer Sprache, die offensichtlich nur sie selbst versteht. Manchmal sind Sprachfetzen zu entziffern aber es geht eher um einen Monolog der Sängerin, dessen "Sinn" sich nicht rational sondern bestenfalls auf einer Gefühlsebene erschließt.

Die beiden Herren von Humcrush, der eine von Keyboards, der andere von Schlagwerk umgeben und beide mit allen möglichen elektronisch Geräusch erzeugenden Geräten ausgestattet harmonieren außerordentlich gut mit Sidsel Endresen.

 Manchmal klingen deren dicht gewebten Rhythmus- und Soundgeflechte wie der Soundtrack zu einem Science Fiction Film. Vor allem im endlos langen ersten Stück schaffen sie damit eine ganz lückenlose Musik, die von zu Beginn manchmal lose zusammengesetzten Musikschnippseln immer mehr an Dichte und Fahrt gewinnt. In einem lückenlosen flow der den Hörer zunehmend in die Musik hineinzieht. Sidsel Endresen schaltet sich mit ihrem schamanenhaften Gesang immer wieder nahtlos in diese Soundlandschaften ein. Mal als menschlicher Gegenpart zu all den elektronisch erzeugten Sounds, mal kaum diesen zu unterscheiden, wenn sie ihre Stimme klingen lässt, als ob auch sie geradewegs aus dem Synthesizer geflogen käme.

Eine sperrige Musik ist das an diesem Abend, Sidsel Endresen ist eine rätselhafte Sängerin. Der Weg ins Sidsel-Land ist aber eine lohnenswerte Reise.

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