Elliot Sharp – „guitar bashing freak“ @ Enjoy Jazz Matinee

 

Der Gitarrist und Komponist Elliot Sharp war direkt aus Donaueschingen zur Enjoy Jazz Matinee im SAS-Institute herbeigefahren worden – natürlich von den dortigen Donaueschinger Musiktagen, wo er seine Komposition "Ripples From The Bang" uraufgeführt hatte (ein Projekt unter dem Titel "War Zones", gemeinsam mit Bernhard Lang).

 

Der Multiinstrumentalist und Komponist wurde von Hans-Jürgen Linke von der Frankfurter Rundschau befragt und Elliot Sharp als politischer Kopf, musste gleich zu Beginn mit  Linkes neckischem "Bush sollte man wohl besser nicht erwähnen", Stellung genau zu diesem Thema nehmen. Sharp hat eine klare Meinung: Bush ist bei der letzten Wahl nur durch Betrug an die Macht gekommen und die Folgen für Amerika seien verheerend. Er verglich die Verweigerung der Stimmen-Nachzählung durch den Supreme Court mit dem Einsetzen Hitlers als Reichskanzler durch Hindenburg. Starke Worte, die der überzeugte New Yorker als politisch interessierter Mensch hier findet und er sieht sich durch die Entwicklung des Landes und seiner Stadt bestätigt.

Er erzählt von seiner alltäglichen Arbeit an zwei Computern – der eine wird für die musikalische Arbeit genutzt, der andere um sich übers Weltgeschehen zu informieren: "…online on the web – feeding my paranoia" – um gleich ein Zitat William Borroughs nachzuschieben, daß der "Paranoiker einer sei, dem alle Fakten zur Verfügung stehen".

Zorn und Ärger spiegeln sich auch in Teilen seiner Musik, das sagt er selbst, aber natürlich ist die Musik Sharps erheblich vielschichtiger und so bewegt sich das Gespräch nach und nach weg vom politischen Terrain zur Praxis des Musikmachens, zum Einfluss von Wissenschaft, speziell Mathematik auf seine Musik, der besonderen Wirkung lauter Musik, seiner Wertschätzung für akustische Musik, bei der das Individuelle schon im Anschlag oder "Anblasen" eines einzigen Tons zum Tragen komme und die in dieser Hinsicht elektronischer Musik überlegen sei. 

Das Zitat aus der Überschrift bezieht sich auf seine Einschätzung als Musiker in Amerika und lautet komplett "In the US I am not considered a composer, I am considered a guitar bashing freak". Damit befindet er sich gewiss nicht in schlechtester Gesellschaft aber man kann verstehen, daß es ihn immer wieder nach Europa zieht.

Die Geschichte der Aufführung eines seiner klassischen Werke durch das American Composer’s Orchestra 1986 illustriert seine Probleme in Amerika plakativ. Abgesehen davon, daß er  beklagt, dass immer weniger Geld zu Verfügung stünde, und damit nicht genug Zeit für Proben, beschreibt er das schon widerwillige Verhalten des Orchesters. Weil er umgestimmte Instrumente für seine Komposition benötigte, wurden irgendwelche Schülerinstrumente beschafft – die Musiker weigerten  sich ihre Instrumente umzustimmen, für diese Art von Musik – und ihre Begeisterung für Sharps Kompositionen brachten sie zusätzlich mit demonstrativem Ohrstöpsel-Tragen während des Konzerts zum Ausdruck… 

Die zahlreichen Facetten des musikalischen Schaffens von Elliot Sharp wurden im Rahmen der Matinee mit akustischen Beispielen verdeutlicht. Das Spektrum fächert sich von einem fast schon klassischen elektrischen Blues, über neutönischere Streichquartett-Musik bis hin zu ethnisch inspirierten Klängen und Jungle-Sounds aus den 80ern. Sharp nutzt alles, was ihm an musikalischer Inspiration geboten wird und stilistisch festlegen lässt er sich nicht und will er auch nicht werden.

Es ist eine faszinierende Stunde, weil der lakonisch und witzig agierende Sharp ein kleines Fenster zu seiner Musik und seinem Leben öffnet, das mit einem Konzert allein verschlossen bliebe.

 

Am 4.11. wird Elliot Sharp ein Solo-Monk-Programm im Karlstorbahnhof Heidelberg spielen. Not to miss.

Für mich der interessanteste Soundclip an diesem Morgen stammt von der CD "Forgery"

 

 

Ach ja, sorry SAS, ich habe eine eurer faszinierenden Kapstachelbeeren mitgenommen 🙂

 

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