Enjoy Jazz 2007 – Ein subjektives Fazit

Fast sechs Wochen Enjoy Jazz Festival mit über 50 Veranstaltungen: Konzerten, Matineen, Jazz-Vorträgen und Masterclasses liegen hinter der „Festival-Region“ Rhein-Neckar.

Ein Mammut-Programm, das wohl nur von wenigen Menschen (Veranstalter, Studenten, Fanatiker…) in seiner Gesamtheit aktiv wahrgenommen werden konnte. Ich selbst lag mit deutlich unter der Hälfte der Veranstaltungen wohl schon eher überm Schnitt und habe trotzdem von den Masterclasses und Jazz-Partys rein gar nichts und von den Konzerten nur einen ausgewählten Ausschnitt mitbekommen. Entsprechend subjektiv sind die folgenden Eindrücke.

Allgemeines

Das Festival ist im neunten Jahr auf dem Pfad des kontinuierlichen Wachstums geblieben. Mit mehr als 20.000 Besuchern in 51 Konzerten und diversen Nebenveranstaltungen in 15 verschiedenen Spielorten war Enjoy Jazz über sechs Wochen durchaus kulturprägend für die Städte Heidelberg, Mannheim und Ludwigshafen.

Politiker und Honoratioren sind des Lobes voll, Enjoy Jazz wird als Aushängeschild gepriesen und gilt mittlerweile als unverzichtbarer Teil der seit einiger Zeit heftig propagierten „Festival-Region“ Rhein-Neckar.

Marc Ribot - Foto: Schindelbeck

Inwieweit sich das endlich auf eine deutlich ausgebaute Unterstützung des Festivals mit öffentlichen Mitteln niederschlägt werden wir erleben. Fakt ist, daß auch im neunten Jahr das Festival ganz überwiegend von den privaten Förderern lebte und wegen seiner Strahlkraft nach Außen und seiner Bedeutung für die Region längst mehr öffentliche Förderung verdient hätte. Vielleicht ist die Jubiläums-Ausgabe zum Zehnjährigen im kommenden Jahr die geeignete Zäsur um Fakten zu schaffen.

Das Unternehmen SAS ist als Hauptförderer ebenso im Jahr 2008 wieder dabei, wie die BASF, und vermutlich werden sich die weiteren Beteiligten aus der Freien Wirtschaft ebenfalls nicht „lumpen lassen“. Der Bestand ist also fürs kommende Jahr gesichert; schauen wir einmal ob den warmen Worten der Politik ein entsprechender Geldsegen folgt, um den Bestand des Festivals zumindest mittelfristig abzusichern.

Joshua Redman - Foto: Schindelbeck

Das Programm

Bunt gemischt, wie immer. Es ist ja erklärtes Programm von Enjoy Jazz, daß es kein Programm hat oder um es mit Rainer Kern zu sagen „Der Programmschwerpunkt ergibt sich im laufenden Festival“. In der Vielfalt der Veranstaltungen soll bewußt kein roter Faden zu finden sein und trotzdem sucht man gelegentlich ein wenig danach.

Was könnte es in diesem Jahr gewesen sein? Die „großen alten Männer“ des Jazz? Lee Konitz feierte seinen 80. Geburtstag bei einem mit Wunderkerzen veredelten Konzert in der Alten Feuerwache, Charlie Hadens 70. Geburtstag konnte man mental in den Festival-Zeitraum verlegen, ebenso wie den 70. von Shepp und auch Heinz Sauers 75. Geburtstag naht im Dezember – Sauer wirkte allerdings wohl noch zu jugendlich um die runde Zahl wahrzunehmen und im Festival entsprechend darzustellen.

Nein, ein wirklicher Schwerpunkt war ansonsten nicht zu erkennen.

Barbara Lahr - Foto: Schindelbeck

Programmatisch gab es stattdessen eine mittlerweile bewährte Mischung…

Eine Prise deutscher Musiker – in diesem Jahr tatsächlich deutlich mehr als in der Vorjahren – eine kleine Subgruppe davon sogar regional tätig. Musikalisch waren das durchaus Höhepunkte: Heinz Sauer und Michael Wollny – Barbara Lahr mit Bernhard Sperrfechter – Aki Takase mit Silke Eberhard – das Brötzmann Trio.

Die konnte ich selbst hören – sie waren allesamt exzellent (feldneun und Kammerflimmer Kollektief sollen aber ebenfalls gute Konzerte gewesen sein). Sehr erfreulich, daß alle diese Konzerte auch vom Publikum wahrgenommen wurden. Ein Wollny – Sauer Konzert bei Enjoy Jazz im Karlstorbahnhof zieht eben mittlerweile 200 Menschen an, spielten sie stattdessen im DAI beim Jazzclub Heidelberg, wäre es vermutlich gerade einmal 50 hinpilgernde Menschen.

Weiterer Schwerpunkt waren natürlich die obligatorischen „Jazz-Dickschiffe“ wie Konitz, Haden, Reeves, Garbarek, Mehldau – große Namen der etablierten „Jazz-Hochkultur“, die auch das „juwelenrasselnde Publikum“ in die gediegenen Veranstaltungsstätten der BASF in Ludwigshafen lockten. Außer Lee Konitz habe ich mir diese Veranstaltungen in diesem Jahr gespart – an manchen der Musiker habe ich mich einfach satt gehört und bei anderen war mir persönlich das Umfeld zu klassisch ;-). Aber das ist natürlich subjektiv und die Kritiken, vor allem in der Rhein-Neckar-Zeitung, waren wie üblich hymnisch und voll lobender Adjektive.

Hamid Drake - Foto: Schindelbeck
Der „richtige Jazz“, eine Schnittmenge mit den „Jazz-Dickschiffen“ im Sinne von „was man sich unter richtigem Jazz ebenso vorstellt“ war ebenfalls mit einigen Konzerten zu hören. Joshua Redman, Joe Lovano, David Murray oder Erik Truffaz lieferten hochklassigen bis großartigen Jazz und machten einfach Spaß.

Die pop-lastigeren Konzerte, beispielsweise von Vienna Teng oder Malia und die sechs neu eingeführten „Jazz-Partys“ – für die jungen Leute 😉 – mit Tanz und Spaß habe ich nicht gehört.

Erik Truffaz - Foto: Schindelbeck

Das eher Schräge und wenigstens manchmal ein bissel avantgardistische war mit Elliot Sharp, Marc Ribot und vielleicht Brötzmann (?) leider schwach vertreten. Hier wünschte man sich manchmal etwas mehr Mut der Festivalmacher.

Insgesamt ein hochkarätiges Programm, aus dem sich eben jeder – angesichts der Fülle des Angebotes – sein maßgeschneidertes kleines Festival zusammenstellen konnte.

Die Wortveranstaltungen

Zu meinen Lieblingsveranstaltungen sind die Matineen und die neue Vortrags-Reihe mit Christian Broecking geworden. Die Matineen werfen ein interessantes, neues Licht auf die Musiker – Elliot Sharp und Charlie Haden waren auf dem Podium – oder waren, wie bei Willemsen, kurzweilige Veranstaltungen mit einem frischem Blick auf Musiker, ihr Tun und ihre Macken. Willemsen war der ideale wortgewandete Plauderer für diesen Fall.

Roger Willemsen - Foto: Schindelbeck

Christian Broeckings Vortrags-Reihe zu „Musik und Politik“, angelehnt an seine beim Oreos-Verlag und beim Verbrecher-Verlag erschienen Interview-Bücher, lockten zwar ein überschaubares aber höchst interessiertes Publikum in den Heidelberger Karlstorbahnhof.

Die eingespielten Jazz-Interviews, ergänzt mit gelegentlichen Video-Clips und Bildern machten sich auf die Spur des „Schwarzen Jazz“, seiner Vielfalt, seiner Konflikte zwischen verschiedenen Gruppen innerhalb der möglicherweise gar nicht existierenden „black community“. Ein spannender Ansatz zu einem Teil der Jazzgeschichte, der zwar viele Fragen eher offen ließ als er beantworten konnte aber gerade deswegen verleitete, sich mit diesen Fragen intensiver auseinander zu setzen. Erfreulich, daß die Macher von Enjoy Jazz diesen Wort-Bereich der Veranstaltung hegen und pflegen.

Christian Broecking - Foto: Schindelbeck

 

Was gab’s sonst noch?

Leider nicht das Konzert von Mariano, Ilg und der Sprecherin Doris Wolters, denn Charlie Mariano war krank – schade, damit ist Jazz und Lyrik in diesem Jahr ins Wasser gefallen. Ebenso nicht am Start der Vibraphonist Bobby Hutcherson.

Das Häufchen der „Enjoy Jazz Fotografen“ – hat sich wie üblich soweit wie möglich dezent zurückgehalten, wenn mehr oder weniger wild herumgeblitzt wurde, dann waren es die Amateure aus dem Publikum 😉 An den Wänden hingen die Bilder des Vorjahres, vielleicht gibt es im kommenden Jahr eine neue Ausstellung mit den diesjährigen Aufnahmen.

Multimedia-Handys. Wenn ich einmal in einer der hinteren Reihen saß, konnte ich das Geschehen auf der Bühne auch gut auf den Displays der fotografieren und möglicherweise auch filmenden Handy-Nutzer verfolgen. Bei kommenden Enjoy Jazz Geburtstags-Partys könnte das die echten Wunderkerzen sparen – es werden einfach alle Displays mit entsprechenden Bildchen in Richtung Bühne geschwenkt um das Geburtstagskind zu erfreuen.

Elliot Sharp - Foto: Schindelbeck

Umfallende Bierflaschen. Klar, wie immer. Geht nicht ohne. Wegen des wunderbaren Steinbodens immer besonders gut in der Feuerwache mit mehrfach-schepperndem Klang zu erlauschen. Die Musiker nahmen es wie üblich gelassen bis stoisch.

Pünktlich geöffnete Türen – in diesem Jahr etwas häufiger als sonst. Dem Klimawandel sei Dank, daß Enjoy Jazz bei erträglichen Abend-Temperaturen stattfindet. Denn gelegentlich dürfen die Besucher immer noch über die offiziellen Einlasszeiten hinaus draußen in der Schlange – und manchmal Kälte – stehen. Das ist nicht nett und (immer noch) verbesserungswürdig.

Michael Wertmüller - Foto: Schindelbeck

Die Enjoy Jazz 07 Compilation Vol 2. Erschienen bei Jazz’n’Arts Records und mit einem mehr oder weniger repräsentativen Ausschnitt des diesjährigen Programms. „Wunderbar“ wie R. Köhl in der RNZ schrieb.

Gute Laune. Man konnte sie in diesem Jahr meist am Enjoy Jazz T-Shirt erkennen – ein Lob den vielen Enjoy Jazz Mitarbeitern, die durchweg alle nett, hilfsbereit und freundlich waren. Eine feine Gesellschaft, die ihren wesentlichen Anteil am Gelingen der Veranstaltung hatte.

Vorfreude. Auf Enjoy Jazz 2008 – das findet vom 4. Oktober bis zum 15. November 2008 statt.

*SAS vor allem, BASF, Verivox und einige „Kleine“, wie der Weinhandel Extraprima aus Mannheim oder der Volvo-Händler, der die Enjoy-Jazz-Wagenflottte stellte – man darf sie ruhig an dieser Stelle nennen – ohne sie gäbe es das Festival in dieser Form nicht.

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