Enjoy Jazz Eröffnungskonzert mit Archie Shepp

 

 

 

Er gehört fast schon zum Inventar und vermutlich gibt es eine geheime Vereinbarung mit Impressario Rainer Kern, daß er noch die kommenden elf Jahre bei Enjoy Jazz auftreten darf: Archie Shepp – zum dritten mal in Folge dabei – eröffnete in diesem Jahr das Enjoy Festival im Heidelberger Schloss.

Die intensiven Enjoy Jazz Farben schmückten und beleuchteten das Schloss. Ein magentafarbener Teppich führte die Besucher vorbei an beleuchteten Bäumen in die altehrwürdigen Gemächer des Heidelberger Kulturdenkmals. Den Hungrigen in der langen Schlange wurde von netten Damen Laugenbrötchen gereicht und die Atmosphäre war entsprechend heiter 😉 – Im Ernst: die Menschen im Enjoy Jazz Team, viele schon seit Jahren mit dabei, sind die Seele dieser Veranstaltung. Im Vorfeld habe ich am Rande mitbekommen, wieviel Arbeit in der Organisation steckt und daß sie sich den Spaß bei der Sache trotzdem bewahrt haben durften die Besucher erleben.

Archie Shepp - photographie von Frank Schindelbeck

Ein Auftakt nach Maß: Wohlgelaunte Menschen in großer Zahl – es war proppenvoll – vorfreudig gestimmte Offizielle auf der Bühne: Michael Sieber (Ex-Kultur Staatsminister und Freund des Festivals seit Jahren), Eckhard Würzner (OB Heidelberg) und Rainer Kern (Festivalleiter) mit angenehm kurzen Grußworten und schließlich ein erfreulich wohl gestimmter Herr Shepp auf der Bühne, ist ja nicht immer so…

Letzterer ist einen weiten Weg gegangen seit den sechziger Jahren. Damals der „angry young man“, Speerspitze der Avantgarde, Free Jazzer. Mittlerweile spielt er nun schon viele Jahre in den traditionellen Spielarten des Jazz, wenn man „traditionell“ weit fasst. Letztlich ist es eine musikalische Heimkehr, denn Blues, Gospel und Spiritual stecken in den Hörnern vieler Avantgardisten und die Rückbesinnung von den freien Formen ins wohlgefasste Bluesschema kennt man nicht nur von Archie Shepp.

Der Schrei nach Gleichberechtigung und Musik als Protest (wie hat es bei der Abschlusskonferenz der Kulturbürgermeister Heidelbergs, Herr Gerner zitiert: „Jazz muss immer auch ein Mittel zur Gegendarstellung sein“) kommt mittlerweile auch bei Shepp recht sanft daher und etwas folkloristisch. Wütender Protest, der sich in freier Musik in den 60er Jahren ausdrückte ist für ihn passé.
 
Am ehesten schimmert der politische Ansatz noch bei Shepps eigenen Stücken durch, zum Beispiel in „Revolution“ (bei Enjoy Jazz schon gehört, inklusive bekannter Body-Drum Einlage des Schlagzeugers), das seiner Großmutter Mama Rose gewidmet ist , die noch für die Weißen schuften musste.

Ansonsten Klassiker, Zitate aus der Jazzgeschichte – hier mal eine Phrase von Charlie Parker, dort ein Thema von Thelonious Monk.

Archie als Sänger, inbrünstiger Shouter, Archie der Bluesman.

Mina Agossi – nun ja, sie war mit Begeisterung bei der Sache und es ist ja auch schön, wenn junge Menschen singen aber ob es wirklich nötig war ausgerechnet Thelonious Monk zum Besten zu geben? „Ruby My Dear“ und „Well You needn’t“ darf sie im ersten Set gemeinsam mit der Band singen. Wer die trockenen Kanten der Originale kennt und liebt, muss darauf achten, dass das Zähneknirschen nicht die Nachbarn stört – aber sei’s drum: Das Festival läuft noch fast sechs Wochen, Avantgarde und Schräges gibt es im Verlauf des Festivals genug zu hören und Archies Band war an diesem Abend ein passender und feiner Einstieg mit Wurzeln in der Jazz-Geschichte. Freuen wir uns auf die kommenden Wochen.

 

 

Die Herren Würzner, Sieber und Kern

 

Bassist Jack Gregg

Tom McClung, p

Fotos: Frank Schindelbeck, www.schindelbeck.org 

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1 Gedanke zu „Enjoy Jazz Eröffnungskonzert mit Archie Shepp

  1. Habe mich wohl vertan…

    In der Zeitung steht: „… hat sie (Mina Agossi) ein karibisches Timbre in der Stimme, das den Jazzstandards [von Monk! Der Kommentator] ein unbeschwertes Latin Feeling gab.“ *Das* hat den sperrigen Werken des Herrn Monk natürlich bislang arg gefehlt. Das unbeschwerte Latin-Feeling.

    Frank

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