Enjoy Jazz Matinee mit Roger Willemsen

 "Der Zwerg muss weg!"

…so markant brachte es ein ZDF-Mitarbeiter laut Roger Willemsen auf den Punkt.

 

Michel Petrucciani hieß der "Zwerg" und Willemsen hatte ihn seinerzeit als ständigen Gast für seine Sendung "Willemsens Woche" gebucht. Jeder Auftritt des am "Glasknochen-Defekt" leidenden Pianisten lies die Quoten kurzfristig absacken – wie das allerdings bei jedem anständigen Jazzmusiker passiert wäre, da brauchte es die Mini-Körpergröße des Pianisten nicht…

Petrucciani nannte sich selbst nicht "krank" sondern eben "nur" mit einem Gen-Defekt geschlagen, der ihn zu dem machte, der er eben war. Fakt ist, daß er "zerbrochen" auf die Welt kam, mit zahllosen Knochenbrüchen im Leib und er im Laufe seines Lebens immer in Gefahr stand, neue zu erleiden.

Unmittelbare Folge seiner Krankheit war seine Kleinwüchsigkeit und damit ein unverwechselbares Aussehen, mit großen, immer etwas erstaunt in die Welt blickenden Augen und einem mächtigen Bauch – der  allerdings nicht zuletzt auch einem guten Leben geschuldet war, wie sein Freund Willemsen erzählt.

Roger Willemsen ist ein großartiger Erzähler und er lässt in der Einführung zum Film ganz plastisch die Persönlichkeit Petruccianis mit einigen kurzen Anekdoten lebendig werden. Wichtig ist ihm, daß er zunächst von Petruccianis Musik angetan war und erst später die "markante Optik" entdeckte. Betonen muss er das wohl, weil  bei der Beschäftigung mit Petruccinai – als Medienmensch zumal – sofort der Verdacht aufkommt, es ginge auch um den "Freak-Faktor" der da zu Markte getragen wird. Tatsächlich war Michel Petrucciani ein begnadeter Pianist:

 

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Die Wärme und Begeisterung mit der Willemsen von Petrucciani spricht ziehen sich durch seinen einstündigen Dokumentarfilm und das persönliche Engagement für seinen Freund Michel wirkt an manchen Stellen schon fast ein wenig übertrieben. Es war – wie er betont – sein erster Dokumentarfilm und dessen Stärken sind die kleinen anekdotischen – oft sehr witzigen – Szenen aber vor allem die Gespräche zwischen Petrucciani und Willemsen, die zwischen gepflegten Albernheiten und  Michel Petruccianis Angst vor dem Tod pendeln.

Manchmal fehlt dem Regisseur Willemsen der kritische Blick und vielleicht ein gutgemeint warnendes Wort vor zu dick aufgetragenem Kitsch aber wahrscheinlich macht genau die Nähe und  Distanzlosigkeit zum Sujet und der Dilettantismus – ganz im Sinne von "Liebhaberei – dieses Erstlingswerk zu einem besonders liebenswerten, persönlichen Film, der einem den Menschen Petrucciani in knapp einer Stunde sehr nahe bringt.

Der Zwerg musste beim ZDF übrigens dann doch "nicht weg", weil der damalige ZDF-Intendant Stolte die Qualität Petruccianis zu schätzen wusste  – und alle Freunde des großartigen Pianisten sowieso.

PS: Die Matinee war überfüllt. Man nur raten, sich für die noch folgenden Veranstaltungen unbedingt vorab die kostenlosen Karten bei Enjoy Jazz zu reservieren – auch wenn vermutlich so mancher an diesem Sonntagvormittag dem Lockruf des Fernsehstars gefolgt war. Nicht minder interessant werden gewiss die Veranstaltungen mit Elliot Sharp am 21.10. und mit dem Bassisten Charlie Haden am 4.11.07.

PPS: Ein persönlicher CD-Tipp ist "Conference de Press". Eine hinreissende Duo-Aufnahme mit dem Organisten Eddie Louiss – Montag spiele ich eine Kostprobe in Jazzology – im Freien Radio Rhein-Neckar. Und ein Intverview zu diesem Scheibchen gibt es auch.

 

 

 

Roger Willemsen mit Festival-Leiter Rainer Kern

 

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