Fürsorgliche Selbstzensur?

 

Gelegentlich bin ich selbst überrascht, wie prominent und hartnäckig sich irgendwann ins Internet getippte Texte dort festbeissen. Ein unerfreuliches Beispiel dafür waren einige ruppige Worte, die ein User des Jazz-Talks vor einigen Jahren über einen nicht ganz unbekannten deutschen Gitarristen von sich gab. Über Jahre hinweg war dieser Beitrag immer unter den Top 5 der Google-Suche nach dem Namen diesen Musikers vertreten.

Ich hatte den Beitrag seinerzeit nicht gelöscht, weil ich grundsätzlich der Meinung bin, daß von Seiten des Admins sowenig wie möglich in Foren eingegriffen werden sollte . Tatsächlich regulierte sich der Thread relativ schnell von selbst, indem andere User das Bild gerade rückten und auf die Anwürfe des ursprünglichen Posters sachlich ein Gegenbild entwarfen. Trotzdem hatte ich nie ein wirklich gutes Gefühl bei der Sache. Weniger, weil man besonders in Deutschland als Forenbetreiber ganz schnell mal von einer, in Internet-Angelegenheiten manchmal peinlich ahnungslosen, Justiz um Tausende von Euro ärmer gemacht werden kann, sondern vielmehr, weil ich es dem Musiker gegenüber als ungerecht empfand: Ein einziger, nicht repräsentativer, "Bein-Pinkler" konnte es mit seiner persönlichen Meinung zu erstaunlicher Reichweite bringen.

Ich weiß nicht, ob der entsprechende Musiker die Schmähkritik je gelesen hat, gemeldet hat er sich jedenfalls nie. Im besten Fall hat er souverän reagiert und die Geschichte einfach ignoriert. Irgendwann erhielt ich wegen der Angelegenheit ein – leider anonymes – Fax. Ich hätte dem Absender meine Beweggründe gern erklärt – etwas schwierig ohne Absender…

Den Beitrag habe ich vor kurzem schließlich doch gelöscht, weil im Zug einer Softwareumstellung das komplette Forum übertragen werden musste, er mir wieder in "die Hände" fiel und bei Abwägung der oben genannten Punkte eben die Entscheidung fürs Löschen fiel. Auch weil man die Beschreibung des Musikers schon als Beleidigung wahrnehmen konnte.

Aktuell kam ich auf dieses Thema wegen einer E-mail, die heute in meiner Mailbox landete. Jemand, den ich einmal in einem Blog erwähnte, bittet mich um das Löschen des Blogbeitrags, weil er schon älter sei und außerdem "keine gute Werbung".

Hmpf. 

Ich finde die entsprechende Person durchaus sympathisch und bin nicht der Meinung, sie besonders negativ dargestellt zu haben. Definitiv nicht in einer Form, die irgendwie beleidigend oder herabsetzend wäre. Trotzdem: Wie soll man hier bitte reagieren?

Klar, im Internet ist schnell gelöscht und aus Sicht eines Betroffenen kann der Wunsch nach Ausradieren unerwünschter Worte sicherlich recht groß sein – nur: Verlangen wir dann auch von Zeitungen bei einer schlechten Kritik, daß die Auflage eingestampft wird oder die entsprechenden Ausgaben aus den Archiven entfernt werden? Darf man überhaupt noch kritische Worte veröffentlichen? Es sollte jedem Leser klar sein, daß Blog-Beiträge keine absoluten Weisheiten sind und grundsätzlich nur einen subjektiven Eindruck wiedergeben. Sollte das nicht mehr möglich sein, dann die Bloggerei absurd. Trotzdem bleibt natürlich auch hier das etwas ungute Gefühl, mit einem Beitrag vielleicht mehr zu einem Bild beizutragen als es eigentlich angemessen ist…

 

1 Gedanke zu „Fürsorgliche Selbstzensur?

  1. Ich finde, sowohl du als Blogger als auch der Betroffene müssen da durch. Blogger sind ja keine PR-Roboter, die sich Dritten einfach als Werbemedium zur Verfügung stellen. Wenn jemand nicht begreift, was Bloggen bedeutet und wie man damit umgehen kann (kommentieren etwa), tja, dann ist das eben so. Ich wurde einmal gebeten, einen Beitrag herauszunehmen, in dem ich aus einem Newsletter zitiert hatte, der angeblich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war; da hatte auch jemand nicht verstanden, dass man dann solche Mails nicht an alle möglichen Leute verschicken sollte. Im Endeffekt habe ich die betreffende Passage doch entfernt und im Nachhinein im Posting meine Begründung vermerkt. So kann sich der Leser immerhin einen Reim darauf machen. Im konkreten Einzelfall musst du als Blogger natürlich immer für dich selbst abwägen. Aber ich bin der Meinung, dass beide Seiten schon ein bisschen was aushalten können müssen.

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