Großartiger Enjoy Jazz Auftakt mit Ornette Coleman

Ornette Coleman - Foto: Schindelbeck 

Ornette Coleman – Foto: Frank Schindelbeck

 

Colemans Enjoy Jazz Konzert vor drei Jahren ist legendär. Der Mitschnitt auf der CD „Sound Grammar“ erhielt den Pulitzer Preis und katapultierte den Saxophonisten zurück ins Rampenlicht der Jazzszene. Kein Wunder, dass die Enjoy Jazz Organisatoren im Vorfeld gerne auf dieses Highlight verwiesen und sich selbst zum Jubiläum ein Konzert der Jazz-Legende schenkten.

Ein klarer Jazz-Akzent zu Beginn des Festivals, dazu mit einem Musiker der zwar in Jazzkreisen schon lange Kult-Status genießt, aber in seiner Karriere doch niemals kompromissbereite Musik für die Massen spielte. Hier setzt sich das Heidelberg-Mannheim-Ludwigshafen Festival wohltuend von vergleichbaren Veranstaltungen ab, die lieber auf massenkompatibeln Pop eingehüllt ins dünne Jazz-Mäntelchen vertrauen.

Das Publikum des Rhein-Neckar-Raums ist jazzgewohnt oder zumindest hart gesotten – die Reaktion auf die nicht immer einfache Musik in der gut gefüllten Stadthalle in Heidelberg war jedenfalls enthusiastisch. Auch wenn eine Dame neben mir ihrem Begleiter zuraunte „ist aber schon ziemlich Avantgarde, oder?“

„Ziemlich Avantgarde“ ist ein feines Attribut für einen 78-jährigen Musiker, der seit über 50 Jahren eigentlich nichts tut als „ziemlich Avantgarde“ Musik zu spielen und der selbst mit seinen alten Stücken aufs aktuelle Publikum noch avantgardistisch wirkt.

So schlägt das Quartet auch den großen Bogen über Colemans Karriere – von Ende der 50er Jahre („Peace“) über die 70er (spielt Ornette doch tatsächlich „Theme from a symphony“ von „Dancing in your head“!) bis hin zu neuen Stücken von Sound Grammar. Und es sind alle Zutaten drin: Das Gespür für eingängige Themen, die manchmal etwas erratisch wirkenden Harmonien (harmolodics eben…), die unverkennbare Phrasierung  auf dem Altsaxophon mit ihren langgezogenen Phrasen und den auseinander gezogenen Tempi. Und die Urkraft des Jazz, der Blues, der sich manchmal erfreulich klar in die Stücke des Abends schleicht.

 Der Multi-Instrumentalist Coleman. Als Geiger und Trompeter wurde er oft eher belächelt aber gestern im Konzert hörte man einen nicht nur noch erstaunlich kraftvollen Musiker, sondern auch einen, der bei aller Begrenztheit seiner technischen Möglichkeiten mit jedem Ton den richtigen Akzent zu setzen weiß. Seine flirrenden Trompetenklänge hat man selten so frisch und klar gehört und passgenau wie an diesem Abend. Ein wilder Revolutionär stand gestern nicht auf der Bühne aber was will man eigentlich mehr hören, als einen, der seine eigene Geschichte zu erzählen weiß, jenen, die sie hören möchten.

Meine Großmutter pflegte vom Spargelgericht stets zuerst die Spargelköpfe zu essen. Mit der einleuchtenden Erklärung, dass es wenig sinnvoll sei, sich das Beste zum Schluss aufzuheben – wer weiß schon ob man das noch erlebt. Das diesjährige zehnte Enjoy Jazz Festival hält es nicht anders: Ornette Coleman mit seinem Quartett in der Stadthalle Heidelberg markierte einen grandiosen Beginn. Und Spargel sind ein leckeres Gericht – bis zum letzten Stückchen, egal, ob man die Köpfe schon verputzt hat.

 

Ornette Coleman - foto schindelbeck

 

 

 

 

 

 

 

Ornette Colemann - Frank Schindelbeck photography

2 Gedanken zu „Großartiger Enjoy Jazz Auftakt mit Ornette Coleman

  1. Trotz der eigentlich untragbaren Bedingungen für die Photographen: Du hast mal wieder die gute Momente erwischt, hinsichtlich der Licht-Farb-Atmospäre. Goldiges Gelb, das passt ganz gut für den ganzen Abend – und zu den Applikationen auf Ornettes Anzug.

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