Jazz & Klingeltöne

Klingeltöne - Ditzner Lömsch Duo CD Cover

Diesen Beitrag aus dem Februar 2007 darf ich erfreulicherweise updaten. Den 80% der Briten, die sich schon einmal für ihren Klingelton geschämt haben (siehe ersten Absatz weiter unten),  kann mittlerweile geholfen werden. Auf der CD "Klingeltöne" des Ditzner Lömsch Duos finden sich 87 kleine Meisterwerke, die jedes Handy zu einem kleinen akustischen Kunstwerk machen. Auch ein wunderbares Weihnachtsgeschenk für Jazzfreunde. Natürlich 😉 – genug der platten Werbung, jetzt nur noch der Link zur website von fixcel records.

[Original Blog-Beitrag vom 8.2.2007]

Wie im Internet-Zentralorgan Spiegel Online derzeit zu lesen ist, beurteilen 97 Prozent aller Briten (es wird in Good Old Germany nicht anders sein) Menschen nach ihrem Klingelton und 80 Prozent aller Mobiltelefonnutzer haben sich für ihren Klingelton schon einmal geschämt.

Schwer geschämt hat sich sicherlich der Fotografen-Kollege, der sich bei einem A-Capella-Stück direkt vor Rebekka Bakken aufbaute und ausnahmsweise an diesem Tag vergessen hatte, den Nervknochen abzuschalten. Daß gerade in jener Sekunde – bei Fotografen als "decisive moment" bekannt – irgendjemand anrufen musste, ist wohl Künstlerpech. Zieht man den hohen Durchseuchungsgrad der Bevölkerung mit Handys in Betracht, dann sind Klingelton-Attacken in Jazz-Konzerten allerdings erstaunlich rar und wenn doch einmal ein eingängiges Chart-Thema dudelt, dann gehen Jazzmusiker meist souverän damit um. Die Sängerin Jutta Glaser hat das einmal gekonnt vorgeführt, als sie spontan das prägnante Telefongeplärre in die Improvisation einbezog. Da wird die Vergesslichkeit von Handynutzern am Ende noch zum kreativen Impuls.

Daß es mit Handy ausschalten nicht unbedingt getan ist, durfte ich beim Versuch einer Live-Produktion erleben. Nach beschwörenden Apellen ans Hör-Volk, doch bitte alle Handys abzuschalten und Huster sowie andere komplikationsträchtige Geräusche zu vermeiden, piepste es dann während eines Stückes doch. Was war geschehen? Eine junge Dame knipste ein Erinnerungsbildchen und natürlich bestätigte die digitale Spielzeugkamera das erfolgreiche Betätigen des Auslöseknopfs mit einer kleinen Fanfare… Schöne neue Elektronikwelt – aber was soll man jammern, denn: Nennen Sie ein typisches Geräusch für ein Jazz-Konzert! . . .

Nein, kein Saxophonröhren, kein Klaviergepingel und auch kein Trommelfell strapazierendes Schlagzeug ist es, sondern – natürlich – das lautstarke Klirren gekippter Bierflaschen, ohne das ein Abend im Jazzkeller schon fast kein gelungener sein kann. Lautstärker und prägnanter als all das Elektronikgepiepse ist dieses Geräusch allemal. Ich will nicht ausschließen, daß mir im Laufe meiner langjährigen Konzertgänger-Karriere nicht auch schon einmal ein Glas gekippt ist, vom Klingeltonmissgeschick wurde ich bisher glücklicherweise verschont.

Vor einigen Jahren wäre das vielleicht sogar ganz witzig geworden, denn mein erstes Handy ließ es zu, über die Tastatur eigene Töne zu programmieren und ich so hatte ich mir damals mühsam ein Monk-Thema ins Gerät gehackt. Natürlich habe ich mich wegen dieses Klingeltons niemals geschämt, sondern sonnte mich vielmehr im Wissen, vermutlich nur einer von einer Handvoll Menschen weltweit zu sein, die von Monk telefonisch belästigt werden. Vielleicht hätte ich dieses Werk an passender Stelle in besuchten Konzert en einfließen lassen sollen. Sei es als Versuch der Konzertverbesserung oder als kreativer Ansporn und Spielmaterial für die Musikanten.

Gleiches wäre heute nicht mehr möglich, weil mein aktuelles Handy – das mir aufgrund seiner Behinderung, nur zum Telefonieren zu taugen, als "Senioren-Handy" angepriesen sofort sympathisch war – nur einen einzigen Klingelton beherrscht. Ein anmutiges, afrikanisch angehauchtes Thema zwar, aber als Grundlage zur Improvisation nicht wirklich tauglich. Keine Ahnung, wie ich aufgrund dieses Klingeltons von den Mitmenschen beurteilt werde…

[Ende Original Blog-Beitrag vom 8.2.2007]

Auch hier muss ich naürlich korrigieren. Mittlerweile besitze ich selbstverständlich auch ein MP3-fähiges Gerät. Hätte ich keines, müsste ich mir eines wegen oben genannter, ganz wunderbarer Klingetöne beschaffen 🙂

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