John Abercrombie Quartet bei Enjoy Jazz 2009

Der Jazzblogger muss nicht in den Spiegel schauen, um festzustellen, dass er langsam alt wird. Es reicht, sich in ein Jazzkonzert zu begeben und Musikern auf der Bühne zu begegnen, die er vor rund 20 Jahren schon im Jazzkeller beim Jazzclub in Heidelberg gesehen und gehört hat. Bei Abercrombie waren gleich zwei dieser Herren zu begrüßen: Joey Baron, der exzellente Schlagzeuger und Mark Feldman, der Violinist des John Abercrombie Quartetts.

Joey Baron blieb mir besonders eindrücklich von seinem Auftritt mit Bill Frisell (-> Montag bei Enjoy Jazz) in der Triplexmensa in Erinnerung und Feldman beeindruckte damals bei einem Auftritt mit dem Arcado String Trio im Jazzkeller im Haus Buhl. Er spielte seinerzeit mit Marc Dresser am Bass und Hank Roberts (-> Montag mit Frisell bei Enjoy Jazz!) ein exzellentes Konzert. Ein feucht-fröhliches dazu, denn er pichelte im Laufe des Konzertabends locker ein Fläschen Rotwein – dem furiosen Geigenspiel tat es keinen Abbruch.

Joey Baron sieht im Mannheimer Schloss aus wie immer. Seine geschickte Frisurwahl (keine) verleiht ihm etwas Altersloses. Mark Feldman hat für die gewonnene Lebens- und Musikerfahrung allerdings einige Haare opfern müssen und die Rotweinflasche wurde mit der Halbliterflasche Wasser ersetzt.

Mark Feldman, Ende der 1980er: Foto Frank Schindelbeck Jazzfotografie

Mark Feldman 2009 - Foto: Schindelbeck

Mark Feldman 2009: Foto Frank Schindelbeck Jazzfotografie

 

Das Konzert des Abercrombie Quartets beginnt konzentriert und ruhig. Abercrombie spielt perfekte Linien, die Gitarrentöne perlen in einem warmen Schwall ins Ohr, Feldman streicht bevorzugt in den höheren Lagen langezogene Bögen, die den Stücken Weite und Raum erschließen und Joey Baron trommelt filigran und zurückgenommen. Trommeln ist eigentlich ein zu starker Begriff für seine Schlagzeugbearbeitung. Manchmal schlägt er in Richtung Becken und tupft sie dann nur an – in diesen leiseren Passagen ist der kernige Bassklang von Thomas Morgan mehr Schlagzeug. Überhaupt Baron: Was für ein famoser Schlagwerker. Wenige Drummer wirken in der Gruppe so kommunikativ wie er. Ständig sucht er den Blickkontakt mit seinen Mitmusikern, reagiert auf kleinste Details und unterstützt, umspielt und paraphrasiert deren musikalische Gedanken.

John Abercrombie - Photo: Schindelbeck

John Abercrombies Konzert ist das Auftaktkonzert des ECM Festivals im Rahmen von Enjoy Jazz und die Auswahl gerade dieses Quartetts passt präzise für die Darstellung des Labels: Im Zweifel eher ruhig als aufgeregt oder gar aggressiv. Wohlklang – obwohl der Sound beim Konzert in meinen Gehörgängen nicht optimal ankam – statt Rauigkeit und Geschmeidigkeit statt Anecken. Im Laufe der Jahre hat sich Abercrombies Gitarrenspiel und auch der Sound seiner Gruppen mehr ins Subtile verlagert. Aufnahmen wie "Night" aus dem Jahr 1984 zeigen noch Spuren von Jazzrock – die mittlerweile fast komplett verschwunden sind, zugunsten des ruhigen und unaufgeregten Dahinfließens, das glücklicherweise nicht in Trägheit erstarrt. Dafür sorgten die im Detail spannenden rhythmischen Nuancen und Verschiebungen wie auch die elegant ziselierten Melodien.

Es waren trotzdem gerade die Stücke gegen Ende des Konzerts, aus seinem etwas älteren Repertoire, die am stärksten überzeugten. Abwechslungsreicher, offener für Dynamik und damit auch für "Lücken", in denen auch ein Baron eben doch einmal etwas fester auf die Felle seiner Trommeln schlagen durfte.

Joey Baron - Foto Schindelbeck

 

Foto Frank Schindelbeck: Bass

Alle Fotos: Frank Schindelbeck Jazzfotografie

 

 

Schreibe einen Kommentar