Offside – Offener Brief von Axel Joppen

 

Offene Briefe sollte man in offenen Medien verbreiten.

Daher möchte ich im folgenden unkommentiert (kommentieren kann man immer noch über die Kommentarfunktoin dieses Blogs!) das Schreiben des Aktionskünstlers Axel Joppen zu den Geschehnissen rund um Offside Open bzw. Offside Festival wiedergeben. Ich habe in diesem  Blog an anderer Stelle meinen Eindruck zum Thema bereits veröffentlicht link link – in wesentlichen Punkten sehe ich meinen Eindruck in Joppens Schreiben bestätigt.

 

OFFENER BRIEF VON AXEL JOPPEN ZU OFFSIDE

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Axel Joppen Ritterstr. 31 40213 Düsseldorf

An die
Städtischen Dienste Geldern – Kultur –
Issumer Tor 36
47608 Geldern
Germany

Offener Brief bezüglich des Offside-Festivals 2008 in Geldern

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich bin erstaunt, wie präzise die KLXM Crossmedia ( verantwortlich für die Konzeption, Gestaltung und Umsetzung der Webpräsenz des Festivals http://www.offsidefestival.com/) dem Wandel der künstlerischen Konzeption Rechnung trägt.

Wie dem Layout direkt zu entnehmen ist, ist das Wort open verschwunden und sogleich hat man sich programmatisch und gestalterisch dem allgemeinen Mainstream verschrieben.

Ein Mittelstandstyp mit Saxofon (nichts gegen Klaus Doldinger als Musiker) sitzt steif in einem Sofa, könnte den Sinneswandel nicht besser symbolisieren, im Vergleich zum Plakatentwurf zum verworfenen Offsideopen-Festivals unter der Planung von Burkhard Hennen, ein auf offenes Hören hinweisender verschmitzter Frank Köllges.

Der Programmankündigung zu folgern ist, dass hier ein weiteres Allerweltsjazzfestival geboren wurde. Dagegen ist ja erst einmal nichts einzuwenden. Schade ist nur, dass dafür eine andere Veranstaltung weichen musste.

In der RP-Moers vom 30.06.2008 wird Ulli Tückmantel wie folgt zitiert: „Der Charme des Offsideopen liegt vor allem darin, dass mehr als 200 Unterstützer und Unterstützerinnen hier ein Festival von hohem Rang auf die Beine stellen. Wir sind Burkhard Hennen für sein Engagement sehr dankbar, aber er ist nicht das Festival“

Diese Äußerungen entsprechen so nicht den Tatsachen:

Burkhard Hennen war und ist das Offsideopen-Festival. Wie die vollzogene Namensänderung schon zeigt, ist rein rechtlich das Offsideopen Hennens Festival. Weiterhin ist klar, auch programmatisch ist das eine völlig andere Veranstaltung. Der hohe Rang des Festivals ging auf die qualitativ niveauvolle Programmgestaltung von Hennen und seinen, durch Jahrzehnte lange Kulturarbeit als Global-Player, erworbenen Ruf zurück. Aber hier geht es ja auch ums Verkaufen.

Charme ist gefragt, und nicht engagierte Kulturarbeit auf höchstem Niveau. Man kann Burkhard Hennen eigentlich nur beglückwünschen. Es erspart Ihm eventuell einen, wie in Moers, jahrelangen Kampf gegen Stumpfsinn und Kleingeistigkeit.

Über die neu entstandene Veranstaltung wird deutlich, was von der Stadt Geldern gewünscht wird. Inhalte spielen in dieser Art von Kulturarbeit eine untergeordnete Rolle. Dies ist nichts Besonderes, dennoch bedauerlich.

In den städtischen Ämtern sitzen kulturell ungebildete Menschen, die keinerlei Parameter zur Erfassung künstlerischer Qualität besitzen. Diese Menschen entscheiden über Geldvergaben an Künstler.

Verheerend! Burkhard Hennen war weltweit so erfolgreich, weil er den Schwerpunkt in den Inhalten gesetzt hat. Improvisationskunst auf höchstem Niveau war die Hauptsache.

Das Programm des Moers-Festivals hat 34 Jahre Kunstgeschichte geschrieben, indem es den Moment heiligte. Die Improvisationskunst lebt von dem direkten Augenblick. Die Kunst hat sich hier die Möglichkeit erarbeitet ein Original zu schaffen, das zwar medial transportabel ist, aber nicht reproduzierbar, da die direkte physische und psychische Anwesenheit mit der Aufführung vielfältig verknüpft ist.

Die naturgemäße Offenheit der Improvisationskunst birgt gewisse Risiken. Dieses Risiko einzugehen, realisiert manches Mal magische Momente der Kommunikation, derer in Moers viele stattfanden. In dieser Konzentration weltweit einzigartig.

In den Programmen ist nachzulesen, welche Elite dort zu Gast war, die Kenntnis der Namen vorausgesetzt. Ich bin in vielerlei Hinsicht mit dem Festival verbunden. Zunächst habe ich meine Jugend in Moers verbracht. Mit 14 Jahren bekam ich, 1984, über das Kulturamt einen Job beim Moers-Festival und durfte die improvisierte Musik kennen lernen. Ich bin 1996 dort als darstellender Künstler mit der Ästhetiker Gewerkschaft und Frank Köllges` Orchester aufgetreten. In 24 Jahren besuchte ich das Festival in einem Jahr nicht, da ich selbst Auftritte andern Orts hatte. Ich habe in Moers einen wesentlichen Einfluss für meine eigene künstlerische Arbeit erhalten.
Das Offsideopen besuchte ich letztes Jahr.

Dieses Jahr wäre ich dort mit Frank Köllges und 40 weiteren Künstlern aufgetreten, hätte Hennen das Programm gemacht. Man könnte mir daher eine einseitige Parteiname für Hennen zum Vorwurf machen.

Ich ergreife Partei für künstlerische Qualität, und sitze sozusagen mit Burkhard Hennen im gleichen Boot. Ich fordere die so genannten Förderer auf, ihre Rolle noch einmal zu reflektieren und zu überlegen, wer hier der Förderung würdig ist. Eine Kulturpolitik der Gleichmacherei oder eine qualitativ ausgerichtete, mutige, professionell fundierte Durchführung?

Das Exklusive hat Geldern damit verloren und reiht sich ein in die Festival-Landschaft des Mainstream.

Schade, dass doch zu oft kulturelle Nichtschwimmer, die sich in Unkenntnis auf bereits Umjubeltes verlassen, das Geschehen bestimmen.
Nicht nur für mich eine Überlebensfrage.

Nichts für Ungut,

Axel Joppen

3 Gedanken zu „Offside – Offener Brief von Axel Joppen

  1. bei aller liebe,
    ganz ungefiltert kann man so einen „offenen“ unkritischen Brief dann auch nicht stehen lassen.
    Das tolle Wunderkind war Herr Hennen denn auch nicht – sei hier aber weiter unkommentiert – sonst hätte er wohl kaum die Leut’s von der Stadt Geldern völlig unvorbereitet ( und in Erwartung seines Programms ) vor ein paar Wochen mit nichts dir nichts einfach zurückgezogen – und das auf nicht gerade feine Art per e-mail.
    Köllges, Joppen und Co. sollten bei ihrer Kritik dann vielleicht verraten warum Hennen nicht ein finanziell kleineres Programm zusammenstellen kann – das dann immer noch einem mehr offenen und zugegeben spannenderen Programm genüge tut.
    Ein sehr großes Fragezeichen an dieser Stelle!! (oder blieb für Hennen nicht soviel übrig – auch wenn er betont das er vom Festivalmachen nicht mehr leben muß?)
    Da ist es dann nicht erstaunlich das die Stadt Geldern sich offensichtlich auf dieses Festival gefreut hat – und in aller Eile sich dann entschlossen hat dieses trotz einsammen Rückzugs von Hennen selber irgendwie durchzuführen.
    Da kein eigentlicher künstlerischer Leiter da ist – sollte man sich dann auch nicht wundern das ein geschmäcklerisches Programm zusammengestellt wurde.
    Die Kritik des Herrn Joppen wäre stichhaltiger, wenn diese sich an die Adresse von Hennen gerichtet hätte (der seine Moers-Dimensionen immer auch mit regiden kleinen Gagen für die Künstler zusammengeschraubt hatte).
    Köllges und Co gehörten ja zum Standart Inventar von Hennen – insoweit ist da natürlich schon auch Trauer angesagt….

    So einseitig kann man diese Angelegenheit jedenfalls nicht betrachten….
    liebe Grüße
    peter

  2. Hallo Peter,

    ich freue mich über den ausführlichen Kommentar zu Koppens Offenen Brief. Der Blog, mit seiner Option zur Gegenrede, ist eigentlich ein ideales Instrument um mit solchen Statements umzugehen. Der Manifest-Charakter eines Offenen Briefs wird damit erfreulich aufgebrochen.

    Unabhängig davon, dass es aufgrund unterschiedlicher Blickwinkel kaum versöhnbare Positionen gibt, ist die Entwicklung aus (meiner) Sicht des Jazzhörers unbefriedigend. Unabhängig vom – wie auch immer motivierten – Handeln Hennens ist das Ergebnis in künstlerischer Hinsicht einfach enttäuschend.

    Das pointierte Statement von Koppen „Schade, dass doch zu oft kulturelle Nichtschwimmer, die sich in Unkenntnis auf bereits Umjubeltes verlassen, das Geschehen bestimmen“ kann man angesichts des Programms bzw. auch des Marketings des Festivals nur kopfnickend bestätigen.

    Dabei geht es weniger um die einzelnen Musiker (obwohl ich Max Mutzke als Zugpferd eines Jazzfestivals einfach deplaziert finde) als um eine fehlende – mutige – Linie abseits des Mainstreams oder auch nur einen gewissen Programmschwerpunkt.

    „Da kein eigentlicher künstlerischer Leiter da ist – sollte man sich dann auch nicht wundern das ein geschmäcklerisches Programm zusammengestellt wurde.“

    Das ist das etwas unbefriedigende Ergebnis. Wobei ich mich frage, ob es derart schwierig gewesen wäre, irgendjemanden zu finden, der eine gewisse künstlerische Linie ins Programm gebracht hätte. Leider hat mich keiner angerufen 😉

    Grüße

    Frank

  3. danke Frank,
    was soll ich sagen………
    sicherlich war man eines künstlerischen Leiters im Sinne von Hennen skeptisch geworden und wollte sich das sicherlich auch ersparen….

    hab grad nochmal auf offsidefestival.com nachgeschaut und das Programm wird immer diffuser und wie es scheint hilfloser….
    dazwischen funkelt dann seltsamer Weise ein souliges Freejazz Trio mit Willi Kellers und irgendwo da auch das Hampel…..

    Geld scheint scheint jedenfalls da gewesen zu sein für eine ordentliches Programm, vielleicht nicht in den Dimensionen & Sphären eines Hennen….

    In der Tat erfreulich is das Ganze nicht….aber:
    Die Offenheit war bei den Stadtvätern sicherlich vorhanden – siehe leztes Jahr – auch wenn es dann bei und mit dem eigenen Geschmack dieser Väter dann drunter & drüber geht….
    Wo aber liegt die Verantwortung….?????

    Grüße

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